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Chronik
 

Vor fast genau 50 Jahren setzte Alfred Richter, gerade von Berlin ins Markgräflerland gezogen, eine Annonce in die Zeitung: "Wer Interesse am Ringen hat, soll sich melden!". Mit dieser Anzeige brachte er den Stein ins Rollen. Richard Wagner, der damalige Vorsitzende des TV Kandern, erlaubte Alfred Richter, der 1939 und 1951 an den Ausscheidungskämpfen für die Olympischen Spiele teilgenommen hatte, in Kandern eine Ringerabteilung zu gründen. Natürlich ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand, dass die Kanderner Ringer 25 Jahre später sogar in der zweiten Bundesliga, Deutschlands zweithöchster Klasse, um wertvolle Punkte kämpften. Für 250 Mark kaufte Alfred Richter dem SV Freiburg Haslach eine uralte, gebrauchte Matte ab. Noch heute ärgert er sich über den damals horrenden Preis.

Kanderner Mannschaft 1950: vlnr. H. Gründel, R. Sutter, M. Tanner, K. Benz, W. Joseph,  A. Richter und C. Steinbeck
 

Die Resonanz auf die Anzeige war mehr als bescheiden. Denn als einziger erschien Walter Joseph zum ersten Training. Bald darauf lernte der Initiator im Zug den Ringer Georg Steinbeck kennen, den er ebenfalls begeistern konnte. Mit der Zeit stießen Karlfrieder Benz, Max Tanner und Ludwig Wendel hinzu. Richter hatte bereits eine Mannschaft für die Verbandsrunde 1951/52 gemeldet. Doch fehlten immer noch zwei Mann, bis alle Gewichtsklassen besetzt waren. Inzwischen waren es nur noch vierzehn Tage, bis zum Beginn der Runde, als Karlfrieder Benz, der Alfred Richter immer versichert hatte, noch zwei Jungs "aufzutreiben", den ersten ins Training mitbrachte. "Ich hatte Heiner Gründel und Richard Sutter so heiß aufs Ringen gemacht, dass sie sofort zu kämpfen anfingen und miteinander in den Brennnesseln herumrollten", erinnert sich Karlfrieder Benz. Derjenige, der als Verlierer aus diesem Kampf hervorging, - wer von beiden es war, lässt sich nicht mehr feststellen - konnte allerdings wegen seiner "Verbrennungen" erst drei Tage vor Rundenbeginn das Training aufnehmen. Jedenfalls war Alfred Richter beruhigt, dass seine Mannschaft endlich komplett war. "Den ersten Kampf haben wir gegen Lörrach, den späteren Meister der Verbandsrunde, mit 6:2 verloren", sagt Richter. Die Mannschaft aus Kandern belegte Platz drei, und weil Lörrach seine Mannschaft zurückgezogen hatte, stieg Kandern als zweiter Aufsteiger aus der Bezirksklasse in die damalige Grenzlandliga auf. Im zweiten Jahr meldete Kandern bereits zwei Mannschaften.

 

Schon damals mussten die Athleten oft lästige Pfunde loswerden, um in der entsprechenden Gewichtsklasse kämpfen zu können. "Abtrainiert wurde damals folgendermaßen: Wir rannten zu ´Freddi´ nach Liel. Dort stellte er uns auf die Waage und ließ uns dann anschließend wieder nach Kandern rennen", erzählt Karlfrieder Benz. Auch noch einige Jahre später spielte sich das "Gewichtemachen"  zu Hause bei Familie Richter ab: "Freddi steckte uns in die Badewanne mit 40° heißem Salzwasser. Wenn einer raus wollte, weil ihm das Wasser zu heiß war, drückte ihn Freddi wieder zurück in die Wanne. Wer auch noch nach dem Baden noch zu schwer war, musste mit zwei Trainingsanzügen vor dem Ölofen in Richters Stube schmoren", erinnerte sich Günter Jurth.

 

Trainiert und gekämpft wurde in den Anfangsjahren in der alten Turnhalle in Kandern, der jetzigen DRK-Rettungswache. Bei schönem, warmen Wetter spielte sich alles draußen auf dem Turnplatz im Freien ab. Oft waren die Matten von der Sonne so aufgeheizt, dass die Ringer regelrechte Verbrennungen davontrugen. In den ersten Jahren besuchten die Kanderner Ringer ihre Kämpfe mit dem Fahrrad, nicht selten sogar in Gresgen oder Zell. Auch hier ist Karlfrieder Benz eine Episode im Gedächtnis: "Wir waren gerade mit unseren Velos aufgebrochen. Da stand Ernst Brombacher mit einer ´Gutzischnitte´ in der Hand am Straßenrand. Freddi nahm den Kleinen kurz entschlossen auf dem Gepäckträger und radelte mit ihm über die Scheideck bis nach Gresgen". 

Nur mit vereinten Kräften konnten die Athleten ihre Ringermatte transportieren.

Später kutschierte "Migger" Meier die Kanderner Ringer auf der Pritsche eines Tempos, einem Dreirad, zu den Wettkampfstätten, bis ihn dann August Sutter als Buschauffeur der Kanderner Ringer ablöste.Nicht selten schickten ihn seine Fahrgäste zu vorgerückter Stunde wieder alleine nach Hause; ganz besonders dann, wenn sie nach dem Ringen im "Pflug" in Hofen bei der Wirtin Martha eingekehrt waren.

 

Die jungen Ringer bezahlten auch das Startgeld, das damals schon zwei Mark betrug, aus eigener Tasche, weil der Verein kein Geld hatte. Als die Kämpfe einige Zeit später im Saal des Gasthauses Sonne stattfanden, mussten die Ringer die schwere Mate immer zuerst aus dem Lagerraum in der alten Markthalle (im Gebäude der jetzigen Pizzeria) quer über den Blumenplatz schleppen. Denn zuvor hatten die Veranstaltungen in dem dort untergebrachten Kolonnenheim stattgefunden. Auch als die Ringer vom Gasthaus Sonne in den Ochsen umzogen, war es ein nicht minder schweres Unterfangen, die Matte über die baufällige und die bereits abgesprochene Außentreppe hinauf in den Ochsensaal zu jonglieren. Ein Ende hatten diese Abenteuer als Anfang der siebziger Jahre die Schulturnhalle in Betrieb genommen wurde.

 

vlnr. E. Wegmeyer, M. Tanner, K. Benz, H. Quast, A. Heimann, K. Schmidt, G. Jurth, J. Schindler und A. Richter

Natürlich konnte auch von anschließendem Duschen nach dem schweißtreibenden Sport keine Rede sein. Eine kurze Katzenwäsche mit eiskaltem Wasser aus dem Brunnen im Flur der "Sonne" musste der Körperpflege genügen. Weil den jungen Athleten manchmal die 40 Pfennig für das wohlverdiente Bier nach dem Kampf fehlten, waren sie dankbar für jeden Humpen. Gleichfalls spendierte ihnen "Sonnewirt" Oskar Baumgartner oft eine große Schüssel Wurtsalat.

 

Lange Jahre veranstaltete Kandern das internationale Grenzland-Turnier, an dem viele bekannte Mannschaften aus dem ehemaligen Bundesgebiet und West-Berlin teilnahmen. Als etwa zehn Jahre später keine geeignete Veranstaltungsstätte mehr vorhanden war, bedeutete dies das Aus für das Grenzland-Turnier.

 

Bis 1953 gehörte die Ringerabteilung unter der Regie von Alfred Richter dem TV Kandern an, spaltete sich aber dann als KSV Kandern vom Hauptverein ab. Erst am 22. Juni 1964 schlossen sich TV Kandern 1844, KSV Kandern 1950 und Tischtennisverein Kandern zum TSV Kandern 1844 zusammen.

 

Die Kanderner Ringer hatten es schwer, sich in der Grenzlandliga zu halten. 1952 veranstaltete die Abteilung mehrere Turniere, um den Kameraden zu mehr Wettkampferfahrung zu verhelfen. !952/53 nahm bereits eine zweite Mannschaft an der Verbandsrunde teil. Während die erste Mannschaft in den beiden darauffolgenden Jahren, 1953/54 und 1954/55 jeweils die Vizemeisterschaft in der damaligen Grenzlandliga errang, holte sich die zweite Mannschaft 1954/55 den Meistertitel in der Bezirksklasse.

 

Den Sprung in die Südbadische Oberliga schaffte die erste Mannschaft im Verbandsjahr 1955/56, nachdem sie die Meisterschaft gewonnen hatte. Ziel der jungen Mannschaft war es in erster Linie, Erfahrungen zu sammeln. Denn sie war sich durchaus bewusst, wie schwer es war, sich in der Klasse zu behaupten. Zwei Jahre lang schafften die Kanderner Ringer den Klassenerhalt, dann ging`s zurück in die Grenzlandliga. Verbissen arbeiteten sie weiter. Doch der Wiederaufstieg in die Oberliga glückte erst 1962/63 nach der Meisterschaft in dieser Klasse.

 

Jetzt lautete das Ziel: Aufstieg in die - damalige - Badenliga. Allerdings erreichte es die Mannschaft erst 1970/71. Bis 1974 erzielte das Team stets gute Plätze in der oberen Tabellenhälfte. Diese Ergebnisse waren Grundlage dafür, dass die Mannschaft aus der 3000 Seelengemeinde Kandern 1975 nach der Neueinteilung der Bundesliga aufsteigen konnte. Fünf Jahre lang hielt sie sich in dieser Liga, dann musste sie, vom Verletzungspech verfolgt, 1979/80 den Abstieg in die Südbadische Oberliga in Kauf nehmen.

Meistermannschaft des Jahres 1970/71 (vlnr): A. Richter, K. Winkler, D. Engelhardt, E. Brombacher, G. Jurth, W. Kiefer, W. Heckert, K. Benz, K. Scheurer, E. Wegmeyer

 

Ab der Folgesaison 1980/81 übernahm Bernhard Kuttler das Traineramt. "Damals hatten der Vorsitzende Karlfrieder Weber und ich mit den Wohlschlegel-Buben, Markus Brock und wie sie alle heißen eine blutjunge Mannschaft zusammengestellt", erzählt er. In der ersten Saison ist das Team zwar haarscharf am einem erneuten Abstieg vorbei geschrammt. Doch von da an ging es nur noch berauf. Zu Beginn der 90-er Jahre etablierte Günther Jurth das Damen-Ringen in Kandern. Inzwischen trainiert Rolf Bechtel die Athletinnen, dessen Tochter Melanie als dreimalige Deutsche Meisterin und WM-Fünfte Kanderns derzeitige Visitenkarte in Sachen Ringen ist. Bis 1994 belegten die Kanderner Ringer stets die vorderen Tabellenplätze, und im Folgejahr schafften sie den Aufstieg in die Regionalliga. Dieser Erfolg war jedoch nur von kurzer Dauer, denn schon ein Jahr später hieß es: Zurück in die Oberliga. Im selben Jahr machte Bernhard Kuttler seine langjährigen Prophezeiungen wahr, dass er mit 50 Jahren aufhört, und quittierte seinen Trainer-Job. Bevor Peter Wohlschlegel 1998 in die Fußstapfen seines Vorbildes trat, begleitete Reinhard Winkler zwei Jahre lang dieses Amt. Schon in seiner ersten Saison als Trainer und gleichzeitig aktiver Ringer beim TSV Kandern gelang Peter Wohlschlegel mit seiner Mannschaft den erneuten Aufstieg in die Regionalliga. Gleichzeitig stieg die Reservemannschaft in die Verbandsliga auf. Beide Teams setzten sich als Resultat für die Saison 1999/2000 den Klassenerhalt zum Ziel. Dass die erste Mannschaft am Ende den fünften Tabellenplatz in der Regionalliga erreichte, die zweite in der Verbandsliga und die dritte in der Kreisliga Vizemeister wurden, war für Aktive, Trainer wie auch Funktionäre mehr als ein Erfolg.

 
 

Stand 2000